der autor lebt

23 Jul

(zu: F.P.Ingold: Ego-Firmen im Alltagsdiskurs.in den aktuellen manuskripten und hier)

wenn einer anmerkt, dass der großteil der gegenwärtigen literatur in seiner spießigen rückkehr zum simplen auktorialen realismus, zur ziemlich billig zu habenden WELTHALTIGKEIT (ein ernstzunehmender kandidat für das unwort des jahres oder jahrzehnts, dramaturgInnen, lektorInnen und kritikerInnen sollen es aus ihrem wortschatz streichen oder für immer schweigen) ziemlich gleichförmig, marktkonform, schnell konsumierbar daherkommt, gibt es wenig grund zu widersprechen.

das allerdings wird dann belegt mit der Art und Weise, wie er [der Autor]- außerhalb der Literatur – auftritt und sein Image pflegt. daran knüpft dann eine polemik gegen leisereisentourismus, multistipendiatentum (ohne dieses schöne wort zu verwenden), usw. und das erscheint dann schon reichlich widersprüchlich.


lesereisen, jungautorenpflege, förderpreise sind (obwohl auch sehr angenehm) zweifellos ganz hässliche auswüchse eines literaturbetriebssystems, das streng nach RTL regeln organisiert ist. aber eben auswüchse eines systems, das regeln aufstellt, die mit den jeweiligen spielerInnen relativ wenig zu tun haben, denen sie sich aber auch nicht entziehen können, oder wollen, und nicht einer rückkehr von souveränen subjekten, die jetzt wieder gang genie-mäßig die zügel in die hand nehmen wollen, nach dem die dekonstruierten vorgängergenerationen sie alzu sehr schleifen lassen haben.

es ist ja nicht so, dass die protagonisten der abkehr vom subjekt sich und ihre subjektposition nicht nebenbei immer recht wirkungsvoll INSZENIERT hätten und dabei darauf vertrauen konnten, dass die stilisierung zum „mensch ohne gesicht“ (blanchot) oder „philosoph ohne namen“ (foucault), um nur zwei von ingold angeführte beispiele zu nennen, höchst effektive methoden waren, die eigene position mit einer entsprechenden aura des geheimnisvollen zu umgeben, sprich: distinktionsgewinn einzufahren. es geht hier nicht darum, diesen autoren (und es handelt sich dabei tatsächlich hauptsächlich um AUTOREN, wahrscheinlich weil sich die starke – und traditionell männliche – subjektposition eben um ein vieles leichter und vor allem öffentlichkeitswirksamer zurückweisen lässt, wenn man sie erst mal zugesprochen bekommen hat) in umkehrung von ingolds argumentation vorzuwerfen, ihre ganze subjektdekonstruktion sei ein marketingtrick zur steigerung des eigenen marktwerts gewesen, sondern darum, festzuhalten dass sie in vielen (und sicher in den am öftesten zitierten) fällen einherging mit einem durchaus souveränen umgang mit mechanismen der – immer schon nach dem starprinzip organisierten – künstlerischen und außerkünstlerischen öffentlichkeit. dieses paradoxon war immer schon ein begleiter der künstlerischen avantgarden, wenn sie mal richtig ernst machen wollten mit dem wegräumen der alten kunstbegrifflichkeiten. wenn die demokratischen postulate a là beuys’sches „jeder ist ein künstler“ sich einmal durchgesetzt haben, wird sich freilich auch niemand mehr dafür interessierten, wenn der künstler joseph beuys sich in einer galerie in new york mit einem koyoten in einem käfig einsperrt.

kurzer anekdotischer exkurs: eine gruppe österreichischer künstler (hauptsächlich aus dem umfeld des wiener aktionismus) wurde in den 60er jahren zu einem symposion nach london eingeladen. zelebriert wurde die zerstörung der bestehenden werke, anstatt exponate wurden performances gezeigt werden, der klassische werkbegriff ebenso wie der autor-künstlerbegriff sollten endlich dem misthaufen der geschichte übergeben werden. einer der eingeladenen schrieb von london eine postkarte an seine freundin mit den worten: „wir werden schon bald alle weltberühmt sein!“ er sollte recht behalten.

es ist überhaupt anzuzweifeln, dass lesereisen durch die literaturhäuser oder studiobühnen der länder, stipendien, preise und interviewanfragen vom playboy und anderen ernstzunehmenden magazinen schon ausreichen, um eine ordentliche subjektpositionen zu festigen. möglicherweise kommen sich die „heutigen autoren“ eher wie getriebene vor, die im gegensatz zu ihren vorgängern, überhaupt nicht mehr die möglichkeit sehen, eine genieposition abzulehnen, weil sie zwar als marken, labels, brands, gehandelt werden, dabei aber in einem markt funktionieren, dessen spielregeln sie nicht so ganz durchschauen, geschweige denn selbst beeinflussen.

selber schuld, natürlich, verweigerung ist immer möglich, es gibt ja auch andere schöne berufe. die, die sich widersetzen, kommen dann aber nicht in den literaturhäusern und verlagsprogrammen und können auch nicht von ingold unter „heutige autoren“ subsumiert werden.

im strom der aus- und eintauschbaren marken schwimmen und sich demgemäß um sein ganz persönliches branding zu bemühen, dass dann am markt angeboten werden kann, spricht eher nicht dafür, sich selber als wirkmächtiges subjekt, als „schöpfer“ im alten sinne zu verorten, der aus sich selbst heraus ein werk schafft und damit hinter die konzeptionen zurückfällt, die den autor selbst als passives medium einer diffusen écriture, der sprache, des textes sehen wollen. man könnte es genau so gut umdrehen und sagen, der rückgriff aus das ICH als instanz der literatur, auf das autobiographische, spricht dafür, dass der persönliche lebensbereich eben nicht als individuell erlebt wird, sondern nur als konkrete ausformung eines allgemeinen, übergreifenden „textes“ (man könnte auch sagen: „marktes“) der die lebenserfahrungen der subjekte so austauschbar macht wie die diversen rollen, die der literaturmarkt zu vergeben hat.

die souveränität, mit der sich leute wie foucault, blanchot, vielleicht auch schwab, bukowski u.a. – scheinbar – abseits des marktes positionieren, die souveränität auch, mit der derrida und rilke sich nicht als erzeuger eines werkes, sondern als bloßes (aber darin eben auch priviligiertes) medium einer fremden macht ins spiel bringen, wird man unter den geschmähten neorealisten kaum finden, eher schon den vollkommen pragmatischen umgang mit den auch finanziellen möglichkeiten die der markt bietet, wenn man bereit ist, mitzuspielen.

fortsetzung folgt.

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