DER REZIPIENT LEBT AUCH

23 Jul

…interessanter wird es, wenn – und der text von ingold (s.u., “der autor lebt”), ist da nur ein beispiel – die „verluderung der sprachform“, stichwort: SMS-jargon, kalauer etc… der heutigen zeit und der literatur sowieso beklagt werden.

keine geraden deutschen sätze mehr, statt dessen zerhacktes gestammel. und gleichzeitig leichte konsumierbarkeit, weil rezipientInnen sich schon in ihrem alltagsleben genug mit „interaktiver mediennutzung“ herumschlagen müssen. in seinem kulturpessimismus klingt das schon richtig vertraut, erinnert außerdem an die gute altlinke klage über den niedergang der politik, oder auch: politikfrust in den jüngeren generationen. und vielleicht haben die beiden erscheinungen, die empirisch ja durchaus belegbar sind, mehr gemeinsam, als man denkt.

folgt man dem italienischen philosophen paolo virno, dann ist das, was man so als abkehr von traditioneller, organisierter politik (in parteien, verbänden, auf demos etc…) beobachtet, die folge von grundlegenden verschiebungen auf dem gebiet der arbeit.


die postfordistische arbeit, so virno, verlangt eine fülle von kommunikativem, organisatorischem, lösungsorientierten, mitunter kreativem handeln. während arbeit im alten paradigma hauptsächlich als abgestumpfte, sich schematisch wiederholende, eben: entfremdete arbeit beschreibbar war, gehört der umgang mit chaos, das sich-organisieren und entwickeln neuer lösungsstrategien zum grundhandwerkszeug des „neuen arbeiters“.

auf die alte aristotelische (und später u.a. von hannah arendt weiterentwickelte) teilung der lebenssphären in ARBEIT – HANDELN – DENKEN (kontemplation) bezogen, bedeutet das, dass eine ganze reihe von merkmalen von der sphäre der politik in die sphäre der arbeit gewandert sind. und die tendiert ja bekanntlich sowieso dazu, sich im ganzen leben breitzumachen, ständig über die mühsam gezogenen (und früher: erkämpften) grenzen zu schwappen.

das heißt, kurz gefasst: wer sich heute politisch engagiert, tut – zugespitzt – im prinzip das, was er sowieso den ganzen tag macht, wenn er sich seine warmen semmeln verdient: kommunikativ handeln. wer schon im brotjob permanent damit beschäftigt ist, interessen miteinander abzuwägen, koalitionen zu schmieden, kreative lösungen zu erfinden, hat vielleicht im anschluss daran, wenig lust, das alles noch mal im sinne zivilgesellschaftlicher teilhabe zu wiederholen.

politik wird arbeit, aber nicht weil sich politik verändert, sondern weil sich arbeit verändert. und kunst, bzw. kunstrezeption?

…ist auch arbeit, zumindest im besten fall. in dem fall nämlich, in dem der produzent eben genau nicht von einer fertigen subjektposition aus einen vorgefertigten sinn serviert, den die anderen (das publikum) nur noch konsumieren brauchen, sondern die rezipientIn sich so was wie sinn selbst zusammenbaut. das ist im weitesten sinn ein kommunikativer akt, für den linguistische fähigkeiten aufgewendet werden müssen. michael lingner und rainer walther weisen in diesem sehr interessanten text darauf hin, dass ein aktuelles modell für kunstrezeption eben nicht die einfühlende kontemplation – im aristoteles schema: das DENKEN – sondern das prinzip ARBEIT sein müsste. dem entgegen steht die gesellschaftliche auffassung von ARBEIT als erstens prinzipiell fremdbestimmter und zweitens finanziell entlohnter tätigkeit. der künstler, der sich an diesem modell orientiert, läuft gefahr, die arbeit am eigenen label zu vernachlässigen, sich vor einer eigenen „haltung“ zu drücken, in der beliebigkeit zu verharren.

zusammenfassend beschreibt virno die helden der neuen arbeit als VIRTUOSEN. das bedeutet in diesem zusammenhang nicht eine außergewöhnliche begabung oder gar genialität, sondern die fähigkeit, kommunikative handlungen immer wieder neu erfinden und auszuführen. handlungen, die, und das ist ein hauptunterschied zu fordistischen arbeitsformen, kein produkt schafft, das außerhalb des produktionsaktes existieren würde (theater also).

vielleicht ist in all dem, was das arbeitsleben charakterisiert, nicht nur ein grund dafür zu finden, das politisches engagement (angeblich?) seltener wird, sondern auch, dass in der kunst wieder die fertig produzierten sinneinheiten nachgefragt werden. DAS LEBEN IST KOMPLIZIERT GENUG, und wenn ein theaterbesucher/ eine theaterbesucherIn das als kritik an einer theaterarbeit sagt, dann ist meistens das leben außerhalb des theaters gemeint, oft auch: das arbeitsleben.

to be continued…

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