interaktives kampfduzen

28 Jul

nachdem andrew hayden vom guardian eine performance von gob squad gesehen hat, in der alle performer nach und nach von zuschauerInnen ersetzt werden, vermutet er, dass die vorstellung, ins theater zu gehen, es sich im sitz bequem zu machen und aus sicherer distanz eine show geboten zu bekommen, nach und nach verschwinden wird. hier seine überlegungen und hier eine polemik zum gleichen thema von peter laudenbach, für den die „geißel der menschheit“ mitmachtheater vor allem „klebriges wir-gefühl“, „fröhliches kampfduzen“ und „selig lächelnde erlebniskonsument[en]“ generiert.

auch wenn es ein bisschen reaktionär klingt, und auch wenn das label „interaktiv“ wieder ein kleines revival feiert, sind die meisten leute , die ins theater gehen, eher auf der seite von laudenbach und platzieren sich, wenn sie die gefahr, involviert zu werden, auch nur entfernt riechen, vorsorglich im dunkel der hinteren plätze, wenn es solche gibt.

erst mal verströmen die meisten vorstellungen, die mit interaktion mit dem publikum (oder, noch schlimmer: mit den einzelnen zuschauerInnen) arbeiten, vor allem peinlichkeit. das gilt aber wahrscheinlich für die meisten theatervorstellungen überhaupt, nur merkt man es halt meistens nicht so eindringlich, weil man sich geistig abwenden und die zeit mit gedanken an fußball, liebe, kino totschlagen kann. gleichzeitig gilt auch für jede vorstellung, dass sie nur „gelingen“ kann, wenn sie interaktiv ist, das heißt, wenn sie auf irgendeine art von mitarbeit des zuschauers vertrauen kann. wenn ich das gefühl habe, dass schauspieler/performer wie hinter einer gläsernen wand agieren, und es ihnen buchstäblich am arsch vorbeigeht, ob ich huste, aufstehe und gehe, oder laut schnarche, fühle ich mich ausgeschlossen und denke mir, ich hätte besser ins kino gehen sollen, hier spielt meine anwesenheit eh keine rolle, außer die des konsumenten. das kommt durchaus auch oft vor bei arbeiten, die „offiziell“ ganz ohne vierte wand spielen, ansprache direkt ans publikum richten, den prozess der aufführung mitreflektieren etc. trotz allem bleibt das gefühl, die aufführung wird zu einem sekundären vorgang, der irgendetwas transportiert, was schon vorher längst fertig war, zur mehr oder weniger hübschen verpackung eines durchdesignten produkts.

in einem sehr interessanten, drei jahre alten text, beschreibt carl hegemann es als aufgabe des theaters, …als Ort der Begegnung, darauf hin[zu]weisen, dass die Bewohner der Stadt, „in irgendwelche Behälter eingepackt“, sich in der Tendenz nicht mehr aufeinander beziehen, außer anonym über den Markt, … . immerhin ist theater immer noch die kunstform, die unbedingt von der anwesenheit von künstlerIn und rezipientIn abhängig ist, zumindest wenn es eben mehr sein soll als kino ohne leinwand, und nur wenn es diese grundkonstitution auch reflektiert und bearbeitet, kann es auch ergebnisse und erlebnisse hervorbringen, die es eben nur in dieser kunstform geben kann.

bazon brock und andere (s.u.) weisen darauf hin, dass in einer emanzipierten, modernen kunstauffassung auch die rezeption als ARBEIT angesehen muss. wenn man nicht an das allmächtige künstlersubjekt glauben will, dann muss man auch damit rechnen, dass kunstgenuss sich eben von konsumgenuss dadurch grundlegend unterscheidet, dass man nicht passiv bleiben kann, sondern das „werk“ im moment der rezeption miterschafft und dabei alle seine intellektuellen und emotionalen fähigkeiten aufbietet. das klingt vielleicht banal, und nach stehsätzen à la „jeder zuschauer sieht sein ganz subjektives stück“, die man sowieso in allen dramaturgien und theaterwissenschaftlichen und sonstigen proseminaren hören kann. man müsste es aber ernst nehmen, und das heißt, dass sich eine konsumistische außenposition von vornherein verbietet, auch wenn die sich manchmal als kritisch bezeichnet. das gegenstück zu dem, was laudenbach „kampfduzen“ nennt, ist nämlich die zynisch-verächtlich-unbeteiligt-konsumistische haltung von denen, die sich erst mal zurück lehnen, um was geboten zu bekommen, was sie dann beurteilen, kategorisieren, einteilen können. die sind oft kritiker, ja quasi berufsmäßig darauf angewiesen sind, eine „objektive“ deutung zu liefern, die nichts mit der eigenen subjektivität zu tun hat .

die kampfvokabel „erlebniskonsument“ suggeriert allerdings zurecht, dass die aufforderung, selbst „aktiv“ ins geschehen einzugreifen, noch lange nicht garantiert, dass der rezipient eben tatsächlich aktiv wird anstatt nur zu konsumieren. immerhin können auch dinge wie zusammengehörigkeitsgefühl, spaß, erlebnis, abenteuer total warenförmig daherkommen, sonst wären ja auch tupperparties und bordellbesuche interaktive performances. sind sie aber nicht, oder nur in den seltensten fällen. wenn der zuschauer arbeitet, ist damit noch lange nicht gesagt, dass das im sinne von interaktion passieren muss. in vielen fällen (in den schlechteren meistens) macht mitmachtheater das publikum ja auch eher noch passiver, weil es sich auf einem terrain bewegen muss, das von den theatermacherInnen nach deren regeln gestaltet worden ist, die das publikum nicht kennt. das ist dann eher das gegenteil von aktivierung von kritischer öffentlichkeit.

to be continued…

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: