Frau Schneider, ich und die Welthaltigkeit

14 Nov

ein paar notizen zu theaterarbeit und antizyklischem verhalten und beziehungen.
(Für Theater der Zeit)

fondsentwicklung2
das, was in der arbeit immer wieder auftaucht und bearbeitet werden muss, ist die frage, in welchem verhältnis wir zueinander stehen. die schauspielerin und die andere schauspielerin – die schauspielerin und der boden, auf dem sie steht, die stadt, die drum herum gebaut ist – die schauspielerin und der text – ich, allein mit dem text und der schauspielerin – die schauspielerin heute und die schauspielerin gestern – die schauspielerin und das, wovon sie erzählt – die schauspielerin und das, wovon sie nichts erzählt – wir und die leute, die dann am ende kommen, zuschauen und geld da lassen.
bevor das passiert, sind schon zig dieser verhältnisse festgesetzt worden, die dann in eine situation münden, die natürlich ausschaut und inszenierung genannt wird. die verhandlungen sind spekulativ, handeln von der verteilung des risikos und des zu erwartenden gewinns, von verantwortung und grenzen, die gezogen werden, und natürlich von macht. an den stadttheatern ist es zum beispiel oft so, dass das risiko beim haus liegt und bei den (freien) regisseurInnen und autorInnen, dafür dürfen sie erwarten, dass die (fix engagierten) schauspielerInnen sich auf die eine oder andere weise unterordnen und das ganze dann als ihr werk gelesen wird. das publikum weiß, dass das werk vollendet ist, bevor es selbst den raum betritt, in dem dann theater stattfinden soll.

gleichzeitig weiß jeder, dass ohne das publikum überhaupt nichts stattfindet. wenn theaterleiterInnen intern über produktionsprozesse und öffentlich über publikumsbindung etc. sprechen, fallen oft begriffe wie verführung. die marketingabteilungen, die auch die dramaturgien sind, wissen, dass sie sich nicht mehr auf ein publikum verlassen können, das aus althergebrachtem bürgerlichen selbstverständnis von allein ins theater geht, weil das der ort wäre, an dem die öffentlichen angelegenheiten verhandelt werden, der ort, auf den die kulturtragende (mittel)schicht sich bezieht, wenn sie sprechen will. an dem sie sich auch anschreien oder anpöbeln lässt und an guten tagen auch mal zurückschreit oder beißt, weil sie nicht will, dass dieser wichtige ort entweiht wird.

der ort muss also die ganze zeit neu definiert werden und die frage ist, ob das verhältnis von uns zu denen, die zuschauen kommen, dann noch was anderes beinhaltet als werbung und verkauf. komplizenschaft? coaching? wellness? beratung? eine selbsthilfegruppe? eine bewegung?

nachdem kurz hintereinander meine oma gestorben war und mir ein sparbuch (10 000 Euro) vererbt hatte und ich ein projekt am wiener burgtheater gemacht hatte, rief mich meine bankberateterin, frau schneider* von der CA ca, an und meinte, es wäre ein jammer, so viel geld einfach so rumliegen zu lassen. sie zählte mir einige fonds auf, von denen sie mir vor allem nr. 4, auch „der planende“ genannt, wärmstens ans herz legte. sie sprach über die einzelnen finanzprodukte zärtlich und liebevoll, wie eine tierpflegerin, die herrenlose katzen an den mann bringen will. dann wieder schaute sie mich an wie eine mutter, die sich um ihren einzigen sohn sorgen macht, und dann ganz kurz wie eine ältere geliebte, die von den märkten südosteuropas und nordamerikanischen milliardären erzählt.

frau schneider wollte für mich alles mögliche sein, nur nicht das, was sie wirklich ist: jemand, der etwas verkaufen möchte. und sie hat alle möglichen zusammenhänge erklärt, nur nicht die, die momentan gerade präsent waren: eine aufstrebende bankkauffrau, die gerade dabei ist, sich hochzuarbeiten und so viele abschlüsse wie möglich erreichen will, und ein mittelschichtskind mit 15 000 Euro auf dem konto.

das theater kann nicht so tun, als wären die beziehungen stabil und als wäre das verhältnis von bühne zum zuschauerraum frei von korruption und markt und besonders geeignet, mal ganz objektiv einen blick nach draußen zu werfen, wo die milliardäre und die hartz IV-empfängerInnen sind. es scheint jetzt, bei der grassierenden angstlust, wieder ein vermehrtes bedürfnis zu geben, WIR zu sagen, weil ja alle irgendwie betroffen sein können, und so vielleicht wenigstens in der krise irgendwo wieder das große ganze (die welt) zu sehen ist. sind WIR die, die jetzt überrascht davon sind, dass der kapitalismus kein objektives, berechenbares und realistisches system ist, das nur zahlen kennt, die sich immer weiter nach oben schrauben? das hat übrigens nicht mal frau schneider geglaubt, auch nicht lange vor der kreditkrise, sonst hätten ihre augen nicht so geleuchtet.

die produkte, die sie mir angeboten hat, waren jedenfalls sehr WELTHALTIG. und wenn mir jemand welthaltige produkte anbietet, bekomme ich oft das gefühl, dass derjenige alles tut, um nicht von sich selbst und seiner situation, seiner arbeit zu sprechen. im theater finde ich das sehr irritierend. und wenn gesagt wird, dass genau jetzt die zeit dafür ist, endlich weg zu kommen von den ewigen selbstreflexionen, sich zu öffnen für das, was da draußen passiert, würde ich (mit frau schneider) eher sagen: antizyklisch agieren, genau jetzt sich um das kümmern, was innerhalb der theaterwände passiert, die beziehungen durcheinander bringen, das verwenden von wörtern wie welthaltig unter strafe stellen. im besten fall hat man dann nach der show eine ahnung davon, wie prekär die zusammenhänge sind, die es uns möglich machen, so was wie politik oder gemeinschaft nur als möglichkeit überhaupt zu denken. oder eben nicht zu denken. dann bleibt noch immer genug zeit, eine bewegung zu gründen.

*name und bank geringfügig geändert.

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