rede über alles mögliche

19 Jan

gehalten am 17.1.2012 im last chance saloon im forum stadtpark.

räuspern

PAUSE: IN DIE RUNDE SCHAUEN – zum fenster schauen – auf den zettel schauen – vera anschauen.

liebe kollegInnen
10 sec. pause

und kollegen

PAUSE

ich würde gern meine redezeit nutzen um einen moment lang zurück zu denken,
und zwar daran, wie es war, vor knapp einer minute,
als wir, genau so wie jetzt, in gleicher runde hiergesessen sind, gegessen und getrunken haben, in angenehmer atmosphäre, und ich dann an meinem glas geklopft habe und aufgestanden bin.

einige von uns werden sich noch daran erinnern:
es war der siebzehnte januar 2012, die kulturelle stimmung im land war irgendwo zwischen agonie, aggression und depression, die rating-agentur standard&poors hatte österreich das tripple A entzogen, Griechenland benötigte bis märz 14 milliarden €, die nichtigkeitsbeschwerde des 23jährigen phillip K., der seine freundin zerstückelt hatte, wurde vom OGH zurückgewiesen, das forum stadtpark hatte gerade den ersten last chance saloon des jahres mit einer langen rede meiner kollegin vera hagemann eröffnet, und ich selbst bin sehr unsicher von der runde gestanden, ganz genau so wie jetzt und habe mich geräuspert.

ich habe dann, nachdem ich mich geräuspert habe, erwartungsvoll in die runde geblickt und habe auch dort große erwartungen gesehen. mir war damals, meine damen und herren, und ich erinnere mich daran, als ob es gestern gewesen wäre, klar, dass ALLES MÖGLICH war. ich habe, während ich verloren zum fenster und dann nochmal auf meine rede geschaut habe, so wie auch viele andere, mit dem gedanken gespielt, diese veranstaltung unter einem fadenscheinigen vorwand zu verlassen, meine ex-freundin anzurufen und mit ihr gemeinsam die immobilieninserate im internet zu durchforsten, weil das auch damals schon als die sicherste zukunftsinvestition galt.

und ich wäre jetzt mit sicherheit nicht mehr hier, wenn mir nicht, je länger ich so schweigend da gestanden bin, immer klarer geworden wäre, dass das weder realistisch noch vernünftig noch höflich wäre, und während ich dann in die augen meiner kollegin vera hagemann geschaut habe, wurden die erwartungen im raum immer größer, und ich stand kurz vor der entscheidung, mich auszuziehen, auf den tisch zu steigen und einen erotischen tanz aufzuführen.

es scheint jetzt, wenn wir zurückschauen, logisch und fast zwangsläufig, dass das schweigen dann irgendwann ein ende haben musste und ich LIEBE KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN sagte, vielleicht erinnern sich einige noch an die bedeutungsvolle pause zwischen KOLLEGINNEN und UND KOLLEGEN, die ungefähr 10 sekunden gedauert hat, jetzt, im rückblick erscheinen sie uns vielleicht wie 20 oder 30 sekunden, und ich persönlich habe in diesen zehn sekunden an meine katze gedacht, die im alter von 15 jahren einen herzinfarkt erlitten hat, in dem moment, in dem wir versucht haben, sie ins auto zu bringen, um mit ihr zum tierarzt zu fahren. es hat damals, nachdem ich eine weitere pause gemacht hatte, die ein bisschen kürzer war als die erste, nichts darauf hingedeutet, dass ich 3 minuten später hier stehen würde und über meine tote katze reden würde, im gegenteil, es hat auch nichts darauf hingedeutet, dass ich über eine erotische tanzfantasie oder über immobilieninvestitionen reden würde, ganz im gegenteil,

wenn mich vor drei minuten jemand gefragt hätte, wie die nächsten drei minuten ausschauen werden, dann hätte ich wahrscheinlich davon gesprochen, dass hier etwas großes entstehen wird, also dass diese REDE, die ja zu diesem zeitpunkt gerade erst begonnen hatte, ich war gerade dabei, über die rating-agenturen und die griechischen staatsschulden zu sprechen, dass diese rede zum gründungsakt einer historisch bedeutenden BEWEGUNG des siebzehnten januars 2012 wird,
ähnlich wie al pacino in ANY GIVEN SUNDAY,

entweder wir bestehen als ein team,
oder wir zerbrechen,
stück für stück, bis zum ende.
wir stehen knöcheltief in der scheiße, und, gentlemen, wir können da hockenbleiben und uns den arsch aufreißen lassen, oder wir können uns wieder nach oben kämpfen,
ich kann das nicht für euch machen,
ich bin zu alt,
ich sehe mich um und ich sehe eure jungen gesichter, und ich, ich weiß,
ich habe ALLES FALSCH GEMACHT was ein mann in den mittleren jahren nur falsch machen kann,
ich, ich hab mein gesamtes vermögen verplempert, und: ob ihr’s glaubt oder nicht,
ich habe jeden menschen, der mich in meinem leben geliebt hat, vertrieben,
seit einiger zeit ertrage ich nicht mal mehr den anblick der visage die ich im spiegel sehe,
ich meine so…
so ist nun mal das leben,
ABER das lernt ihr erst wenn es los geht mit dem verlieren,
und dann werdet ihr lernen, dass es im leben auf kleinigkeiten ankommt,
ich meine: ein halber schritt zu kurz entscheidet über gewinnen oder verlieren,
eine sekunde zu schnell oder zu langsam und ihr greift vorbei,
und dafür kämpfen wir,
für ein paar zentimeter zerreißen wir uns selbst und jeden, der dazugehört, in stücke,
wir krallen uns mit dem finger in die erde für jeden zentimeter,
und wir wissen, wenn wir jeden zentimeter zusammenzählen, den wir geholt haben, dann ergibt das am ende den verdammt wichtigen unterschied zwischen gewinnen und VERLIEREN.

ich kann euch nicht belehren, ich kann euch nur sagen, seht euch den mann oder die FRAU neben euch an, seht in seine AUGEN und ich glaube dann werdet ihr jemanden sehen, der sein leben für dieses verdammte spiel geben wird weil er weiß, dass ihr, wenn es darauf ankommt, verdammt noch mal das gleiche für ihn tun würdet,

der moment, wo jeder und jede EINZELNE hier am tisch aufsteht und beginnt, urlaute auszustoßen und sich mit der faust auf die brust zu klopfen und eine wilde horde von KOLLEGEN DAS FORUM STADTPARK VERLÄSST und brandschatzend und plündernd durch die stadt zieht, war in dem moment, genau zwischen LIEBE KOLLEGINNEN und UND KOLLEGEN hier im aggregatszustand der möglichkeitsform anwesend, und es waren, liebe kolleginnen und kollegen, seit diesem moment, in dem ich dann angefangen habe, diese kurze rede über alles mögliche zu halten, noch sehr viele andere momente möglich: die gründung einer partei, der aufruf zum zivilen ungehorsam, die aufforderung zum erotischen tanz, der gründungsakt einer religiösen gemeinde die gemeinsam den ganzen weg bis zum gemeinsam selbstmord geht oder einer kleinfamilie, die sich eine wohnung kauft, der moment, in dem die rede plötzlich und vollkommen unerwartet zu ende geht und die angst, dass sie nie aufhört.

und jetzt, nach sieben langen und unübersichtlichen minuten, sieben langen bedeutungsvollen pausen und vielen versteckten verschwörerischen, gelangweilten und auch verheißungsvollen blicken, sind wir wieder hier, am selben ort um an den moment zu denken, zwischen dem räuspern und dem LIEBE KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN, und ich würde gerne als abschluss ein weiteres zitat aus einem großen stück filmgeschichte bringen, aus einem film, der in der zukunft spielt, aus einer szene, in der die weibliche hauptfigur von einer armee von intelligenten computern entführt wird, die versuchen, sie zu hypnotisieren und ihr den glauben einzupflanzen, dass sie selbst nur ein intelligenter computer ist. dabei verliebt sie sich allerdings in den computer, der sie hypnotisert, gibt aus LIEBE zu ihm vor, dass die hypnose wirkt und beschließt gemeinsam mit den computern die weltherrschaft an sich zu reißen. der satz, mit dem die weibliche hauptfigur am ende des films, wenn sie ihrem vater gegenübersteht, beschreibt, wie sie vom menschen zur maschine geworden ist, ist, liebe kollegInnen und kollegen, auch für den moment gültig, an den wir uns jetzt gemeinsam erinnern. vielen dank.

Advertisements

One Response to “rede über alles mögliche”

  1. jimilend January 19, 2012 at 10:32 am #

    yede bewegung beginnt in den Hüften baby! also lasst es uns austanzen!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s