vielleicht im bunker

12 May

ich schreibe in letzter zeit sehr sehr schnell. immer für irgendwelche momente, die dann vorbei sind, dann werden die texte irgendwohin verschoben wo sie bis zum letzten festplattencrash liegen und dann weg sind. vielleicht ist das gut so. vielleicht auch nicht. vielleicht müssten sie irgendwann miteinander verbunden werden und dann würden wir wissen, was es ist. das was alles verbindet. dieser war der text für die performance “angriff der hundert metaebenen” in der serie nights im bunker.

er handelt davon wie die ausflüsse einer figur sich selbständig machen und fühlt sich eigentlich sehr kitschig an. es hilft allerdings, wenn er in einem jogginganzug, auf einer leiter stehend, vorgetragen wird, während um einen herum andere szenen, bilder, beschimpfungen, sounds den raum füllen.

BUNKERVIELLEICHT

 vielleicht sind wir ab dem moment wo wir aufgetaucht sind außer kontrolle und es ist völlig wurscht durch welche kanäle wir gekommen sind oder wer sich irgendwas dabei gedacht hat, oder wie wir hierher gekommen sind, vielleicht haben wir in dem moment wo wir in kontakt mit der atmosphäre gekommen sind eine eigendynamik bekommen,

und vielleicht genießen wir das auch ziemlich lange, bis zu dem moment wo wir zum ersten mal merken dass uns was fehlt, also körperlich, das ist der moment wo wir überhaupt erst merken dass wir einen körper haben und nicht mehr verbunden sind und teil von deinem körper sind, dass es für das was wir uns gerade wünschen oder wovor wir angst haben, oder für den hunger oder die geilheit oder für die schmerzen überhaupt keine organische entsprechungen gibt in deinem hirn, wir sind aus verbindungen und verknotungen von synapsen entstanden und dann waren wir auf einmal da und die knoten sind gerissen,

vielleicht ist das der moment der vertreibung aus dem paradies, also der moment wo wir auf einmal körper gekriegt haben, eigene, und das paradies war vielleicht dein kopf oder dein bauch, das können wir nicht mehr genau sagen, das kannst du vielleicht auch nicht sagen, weil alles nur gemeinsam funktioniert,

vielleicht waren wir vorher nur einzelne momente oder einzelne ereignisse auf deiner großhirnrinde und in dem moment der jetzt passiert ist sind wir auseinandergerissen worden und auf deiner großhirnrinde sind jetzt vielleicht leerstellen und die momente die jetzt draußen sind verbinden sich zu körpern und konflikten und sind im raum,

aber vielleicht gibt es auch in diesem bunker oder in dir einen teil von dir, der das genau so geplant hat, genau so langsam und so chaotisch, weil du dich von deinen momenten trennen musst, vielleicht sind wir nur funktionen auf deinem weg durch den bunker, vielleicht ist es immer noch der bunker, vielleicht hat der bunker angefangen größer zu sein als die fantasie von einer schauspielerin, vielleicht hat der bunker sich auch getrennt von seiner funktion und hat sich verselbständigt und ist jetzt von einer einmaligen serie die ja auch eine geschichte hat zu einer weltumspannenden serie von momenten geworden, vielleicht bunkern sich jetzt gerade weltweit leute ein weil sie einmal diesen moment hatten, wo eine drohende katastrophe beschrieben worden ist, und vielleicht wollen sie seitdem sicherheit haben, und haben sich räume gebaut für sich und ihre familien wo lebensmittel und kleidung und vielleicht ein paar unterhaltungsprogramme gelagert sind, und vielleicht fühlen sie sich dann ein bisschen unverwundbar, vielleicht denken sie gar nicht dran, dass es irgendwann sicher nicht mehr reicht, vielleicht denken sie, es muss nur einfach ein bisschen länger reichen als in den anderen bunkern, weil sie sich vielleicht vorstellen, dass sie irgendwann an die oberfläche zurück können und dann wieder überlebensbedingungen vorherrschen werden, aber nicht für alle, sondern eben nur für die, die es lange genug ausgehalten haben, vielleicht sind deswegen fast alle bunker mit bewaffneter verteidigung verbunden, weil sie vielleicht wissen, dass das gefährlichste für die menschen die anderen menschen sind, die ihnen ihren schlafplatz und ihre käsebrote und ihre fernsehserien wegnehmen wollen,

vielleicht denkst du das jetzt gerade, und vielleicht versuchst du verzweifelt wieder ordnung in deine gedanken zu kriegen, und du versuchst dich zu erinnern, wo wir herkommen um dann vielleicht eine chance zu haben, rauszufinden, wo wir hingehen und was wir als nächstes machen, vielleicht wirst du nämlich müde wenn du die ganze zeit das gefühl hast, dass wir schneller sind und gleichzeitig langsamer als du, und du verstehst nicht was von uns jetzt wirklich von dir kommt und was einfach neue momente sind, die entstanden sind, in dem moment wo wir mit der frischen luft in berührung gekommen sind, dieser moment, wo du dir gedach hast, wenn wir weg sind, hast du endlich zeit mal allein mit deinem kopf und im bunker zu sein und das zu machen, was du vielleicht nicht machen konntest solange wir noch da waren, einen song singen, und vielleicht stellst du dir vor, dass dann alles in ordnung wäre, dass wir uns dann auch wieder in irgendeiner höheren bunkerhausordnung auflösen, vielleicht stellst du dir vor dass wir dann zu deinem song tanzen, und vielleicht stellst du dir das so vor wir das enge tanzen in der kombüse am 13.2. 2013, bevor das alles angefangen hat, wo du zu einem song getanzt hat der dir bekannt vorgekommen ist, und du hast sogar einen moment lang das gefühl gehabt dass nicht du den song hörst und dein körper drauf antwortet sondern dass der song erst da war und der song dich überhaupt erst auf die welt gebracht hat und dich jetzt durch die gegend wirft, aber sehr sanft, und du alle paar zentimeter prallst du gegen andere körper, aber die meisten davon sind sehr weich und einer davon hat einen leopardenfellmantel an und der kommt auch aus dem selben song und deswegen spürst du eine verbindung, und du denkst vielleicht überhaupt nicht an sex, du denkst ja dass ihr beide im selben moment aus dem selben song geboren seid, wie zwei prinzessinnen oder zwei junge fohlen aus dem selben wurf, die dann innerhalb von ein paar takten erwachsen geworden sind und laufen gelernt haben, und sprechen gelernt haben, und dann habt ihr halt miteinander gesprochen, aber der song hat überhaupt nicht aufgehört und er war sehr laut, deswegen hast du dich noch immer so gefühlt wie zuhause und du hast deswegen auch keine genaue vorstellung davon, was der leopardenfellmantel zu dir gesagt hat, aber es war ja wie unter geschwistern, und deswegen hast du jetzt vielleicht gerade den gedanken dass der song am anfang von allem ist und dass er auch am schluss sein muss, und dass du ein song sein müsstest, der das alles beendet, und vielleciht ist der sonf auch schon da aber du findest ihn nicht, vielleicht muss noch viel mehr raus aus dir bis du irgendwo ganz unten den song findest, der die ordnung macht, die du dir wünschst, und du wünschst dir vielleicht auch dass wir dir dabei helfen, aber du weißt vielleicht dass du keine chance hast, und dass du kein song bist in diesem bunker, aber du hast jetzt vielleicht das gefühl, irgendeine serienstruktur muss es doch in deinem leben geben, vielleicht erinnerst du dich an den moment im dezember zweitausendzwölf wie dir dein kollege eine DVD-box geschenkt hat und du dann zuhause geblieben bist um die serie anzuschauen weil du gehört hast, dass das besser ist als drogen oder sex oder kunst oder zumindest ähnlich gut, wenn man sich in so eine serie versenkt, wo man ganz lange das gefühl hat dass man vollkommen aufgehoben ist, weil sie nie aufhört und man immer weiter schauen kann, und du hast dich damals zum ersten mal seit du in graz bisst zuhause eingebunkert um diese serie anzuschauen, aber das problem war vielleicht, dass du dir zu viel vorgenommen hast, die serie war nämlich im original, es gab eine unteritelkategorie, die aber auch auf englisch war, und extrem viele figuren die teilweise ähnlich ausgeschaut haben und furchtbaren slang gesprochen haben und dann bist du auch eingeschlafen, und dann bist du vielleicht am nächsten tag aufgewacht und hast es nochmal versucht, aber dann hast du es wieder nicht geschafft einzusteigen, weil du einerseits das gefühl gehabt hast, alles schon mal gesehen zu haben, und andererseits aber das gefühl, dass du es nachholen musst, weil du es nicht verstanden hast, aber dann hast du dich trotzdem dafür entschieden, gleich bei der zweiten episode einzusteigen und dann warst du vielleicht vollkommen verzweifelt und hast vielleicht versucht in irgendwelchen internetforen die informationen zusammenzusuchen die dir dafür fehlen, dass du richtig eintauchen kannst in die geschichte der serie, und so hast du eine woche zuhause in deiner wohnung verbracht und die serie hat dich immer wieder abgeworfen, du bist einfach nicht reingekommen und du bist nicht aus deiner wohnung rausgekommen und warst vielleicht zum ersten mal so verzweifelt wie jetzt, und jetzt versuchst du vielleicht wieder verzweifelt die informationen und momente und töne und gerüche zusammenzusuchen die dir fehlen, um den song zu finden oder um in dieser serie einfach nur zu landen und die einzelnen momente die vor deinen augen eine art surreales schauspiel abliefern, wieder fest anzuknoten, und das sind dann vielleicht wir. vielleicht wollen wir uns gar nicht dagegen wehren. vielleicht wollen wir auch gerne nachhause.

aber vielleicht ist unser zuhause irgendwo hinter deinen augen und da ist es mittlerweile so chaotisch, seit wir ausgezogen sind, dass wir uns überhaupt nicht mehr zurechtfinden, vielleicht sind wir der geruch von der tankstelle in der leonhardstraße wo du gearbeitet hast, der eine ton von dem song den du in der kombüse gehört hast, der kuss am parkplatz vom Q, die vielen mobilboxnachrichten von lukas und frau hagemann und dem optiker und der kollegin und dem mann von der videothek der deinen ausweis gefunden hat und vielleicht der vortrag von dem survivalspezialist*innen über die gefahren eines bürgerkriegs um die letzten verbliebenen ressourcen in der mitte von graz, wenn die bankomaten nicht mehr funktionieren oder sich gegen die menschheit auflehnen, die sie programmiert haben, oder villeicht der moment wo du zum ersten mal nach graz gekommen bist aus dem zug ausgestiegen bist und kein wort verstanden hast vielleicht der telefonanruf von deinem exfreund während du gerade in einer wohnung einer entfernten bekannten ein sexspielzeug in der hand hast und einen vortrag über kamasutratechniken gehört hast, vielleicht die abendnachrichten vom achten februar 2013, während du vielleicht gerade tiefkühllasagne gegessen hast, hast du erfahren dass vielleicht ein pferd drinnen sein könnte, und daraus versuchst du vielleicht eine ordnung abzuleiten, eine antriebskraft aber du schaust du dir die verschiedenen momente an und hast vielleicht das gefühl dass alle gleich wichtig oder unwichtig sind, und dann versuchst du vielleicht scharfzustellen was den momenten gemeinsam sein könnte,

vielleicht ist dir das alles zu sehr innen, zu wenig gesellschaftspolitisch relevant, vielleicht hast du das gefühl die zeit für solche hemmungslos subjektivistischen innenräume ist vorbei und du musst in deinen momenten die relevanten rausfiltern oder zumindest verstehen, wofür sie stehen könnten, was von diesen momenten in deinem bunker über dich und den bunker hinausweisen könnten damit sich vielleicht etwas einbrennt in die herzen, weil da willst du nämlich hin, du bist vielleicht einfach verdammt müde davon die ganze zeit im unterhaltungsprogramm im bunker auf der bühne zu stehen mit deinem ganzen körper, den du ja tragen musst, ob mit oder ohne gedanken und du würdest sie lieber wieder direkt in den herzen der zuschauer*innen treffen, du wärst lieber nur ein bild direkt innen drinnen, nur in zwei dimensionen oder vielleicht nur in einer ohne ausdehnung im fleisch und in der zeit, du hast jetzt gerade vielleicht das gefühl du möchtest so wie damals in berlin ein manifest sein gegen tiefgründigkeit und bedeutungsschwangerschaften, du möchtest nur noch eine schöne oberfläche sein und das findest du dann vielleicht sogar wieder relevant, und du denkst jetzt vielleicht an entfremdung und so, und an menschen, die durch diese überforderung von ihren eigentlichen leben getrennt worden sind und nur noch in der matrix existieren, vielleicht ist das ein moment wo alles kurz sinn macht: wenn du an diesen film denkst, denn du gemeinsam mit dem optiker gesehen hast, aber der film hat nicht matrix geheißen, er hat entweder DER PARTYSCHRECK geheißen oder IDENTITY, das weißt du nicht mehr genau, jedenfalls ist das hier vielleicht genau dieser film: eine party mit musik und tanz und alkohol, die aber von einem die ganze zeit gestört wird, aber man kann ihn irgendwie nicht rausschmeißen weil draußen die straßen überschwemmt sind und die party von der außenwelt abgeschnitten ist, und dann setzen sie sich komische hüte auf und werfen luftschlangen durch die gegend und kommen drauf, dass sie alle dieselbe person sind, aber trotzdem darf nur eine überleben wenn die person insgesamt am leben bleiben soll, das kannst du dir vielleciht vorstellen als struktur für die serie: alles reduziert sich auf den überlebenskampf in einer gruppe, solidarität und kooperation sind gefragt, aber es entstehen auch intrigen und eifersucht und es kann immer wieder passieren dass einzelne deswegen ausgesondern und getötet werden müssen, und jetzt denkst du vielleicht an deine kindheit und an die krimiserien die du mit deiner schottischen großmutter immer geschaut hast, in deutschland. der kommissar, ein fall für zwei, derrick. und dann fällt dir ein dass derrick ja das gleiche problem hat wie du: nachdem er jahrzehntelang erfolgreich verbrecher gejagt hat, ist rausgekommmen dass er von einem schauspieler gespielt worden ist, der bei der SS war, und derrick hatte eigentlich gedacht, dass er sich davon schon längst nicht mehr beeinflussen lassen müsste, dass er längst eine eigendynamik hat und nicht mehr von dem träger dieses nazikörpers beeinflussen lassen muss, dass wenn derrick scheißt, dass das dann nicht die scheiße des alten nazis ist, sondern die scheiße des erfolgreichen und charmanten hauptkommissars, der keine vergangenheit hat, nur eine gegenwart, und dann denkst du vielleicht wieder an deine eigene serie, die so ganz anders aufgebaut ist, wo es von anfang an keine ordnung gegeben hat, sondern nur die diffuse katastroophe und die klaustrophobie unter der bürgerlichen erde, und du denkst, das hat vielleicht was mit dem zustand der gesellschaft zu tun, weil so kurz nach dem zweiten weltkrieg, als der kommissar und der alte und derrick entstanden sind, wollte niemand was von katastrophen wissen, sondern nur von kleinen aber brutalen aussetzern, die man gut in ordnung bringen kann, wenn man die entsprechenden körpern in denen sie entstanden sind, in gefängnisse bringt und dann ist an der oberfläche wieder alles so wie vorher, und du denkst, vielleicht ist unser zustand ein bisschen dem entgegengesetzt, wir merken spätestens seit 2008 dass es vielleicht bergab geht und dass etwas schlimmes passieren wird und wenn wir an früher denken, werden wir vielleicht nostalgisch und wehmütig und wollen da wieder anschließen, an diesen schönen zeiten, nicht so ganz weit zurück, nicht bis in die vierziger, aber wir denken gerne an die 60er und die 70er und die 80er, und nicht an die katastrophen, sondern eher an mögliche katastrophen die wir uns jetzt vielleicht ausdenken damit es nicht so ratlos bleibt ohne antworten, ohne eine blasse ahnung davon, wie und wo wir vielleicht sterben werden, aber das wir sterben ist eigentlich sehr so gut wie fix, vielleicht beunruhigt dich das auch überhaupt nicht, dich beunruhigt nur dass du nicht weißt wie du das alles ordnen kannst damit du einen guten abgang machen kannst, einen sanften fruchtigen abgang wie ein veltliner, den du einmal gemeinsam mit lukas gekostet hast im herbst 2012 direkt nachdem du nach graz gekommen bist, an den hast du seit du im bunker bist, nicht mehr gedacht, als du auf einem hügel gestanden bist und bis slowenien geschaut hast und auf dem gegenüberliegenden hügel einen wolf gesehen hast. der moment ist jetzt vielleicht schon wieder vorbei.

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